Lesezirkel Praktische Ethik (1): Warum Ethik für unseren Alltag wichtig ist und was sie eigentlich ist.

Lesezirkel Praktische Ethik (1): Warum Ethik für unseren Alltag wichtig ist und was sie eigentlich ist.

Willkommen zu meinem aktuellen Lesezirkel. Wir lesen gemeinsam Peter Singers „Praktische Ethik“. Ich komprimiere jeden Sonntag die Hauptideen eines Kapitels aus diesem philosophischen Hauptwerk in einen etwa 800 Wörter langen Artikel. Und dann können wir diskutieren.

Wir dürfen gespannt sein, wann es zu Singers umstrittene Thesen der Sterbehilfe bei geistig behinderten Kindern kommt und vor allem wie es dazu kommt. Wir dürfen aber auch verhältnismäßig alltagstaugliche Erkenntnisse erwarten, warum unser Leben ohne Moraldenken gar nicht möglich wäre.

Wir steigen direkt ein. Viel Spaß beim ersten Kapitel in 900 Wörtern.

Kapitel 1: Über Ethik

Was Ethik nicht ist

Bei der Ethik geht es nicht vordergründig um Sex

Die Zeiten, in denen eine Schlagzeile wie „Bischof kritisiert sinkende Moral“ die Erwartung weckte, wir würden etwas über Promiskuität oder Pornographie zu lesen bekommen, ist Glücklicherweise vorbei. Entscheidungen bezüglich des Sexuallebens können Erwägungen über Aufrichtigkeit, Rücksicht oder die Schadenvermeidung für andere usw. einschließen, aber dasselbe ließe sich zu Entscheidungen sagen, die das Autofahren betreffen. Dieses Buch enthält keine Diskussion über Sexualmoral. Es gibt wichtigere Fragen.

Ethik ist nicht etwas, das nur in der Theorie gut ist, aber nicht in der Praxis

Zweitens ist Ethik nicht ein ideales System, das edel in der Theorie, aber untauglich in der Praxis wäre. Man glaubt, Ethik sei ein System von kurzen Regeln wie „Lüg nicht“, „stiehl nicht“ und „töte nicht“. So eine Ethikvorstellung ist der Komplexität des Lebens natürlich nicht angemessen. Ein anderer Ansatz ist der Konsequentialismus. Er beurteilt Handlungen nach dem Ausmaß, in dem sie Ziele befördern. Die bekannteste Strömung ist der Utilitarismus. Er betrachtet eine Handlung als richtig, wenn sie das Glück aller Betroffenen mindestens so fördert, wie jede andere Handlung, und als falsch, wenn nicht. Ein Utilitarist wird Lügen unter gewissen Umständen als gut, unter anderen als schlecht beurteilen, je nach den Folgen.

Ethik basiert nicht auf Religion

Drittens ist Ethik nichts, das nur im Kontext der Religion verständlich wäre. Einige Theisten sagen, Ethik komme nicht ohne Religion aus. Die alltägliche Beobachtung unserer Mitmenschen zeigt klar, dass ethisches Verhalten nicht den Glauben an Himmel und Hölle verlangt, und umgekehrt, dass der Glaube nicht immer zu ethischem Verhalten führt.

Doch woher kommt die Ethik? Viele teilen die Annahme, dass alles Natürliche gut sei. „Natur“ bezeichnet entweder alles auf der Welt, einschließlich dem Menschen oder die Welt losgelöst von den Menschen. Im zweiten Fall stellt all unser Tun einen Eingriff in die Natur dar, und offensichtlich sind viele Eingriffe – wie das Behandeln von Kranken – wünschenswert.

Der Versuch, die Ursprünge der Ethik zu verstehen, befreit uns daher von zwei vermeintlichen Lehrmeistern: Von Gott und der Natur.

Ethik ist nicht bedingt durch die Gesellschaft, in der man lebt

Nehmen wir uns die Ansicht vor, Ethik sei bedingt durch die Gesellschaft, in der man lebt.

Es ist wahr, dass Gelegenheitssex vielleicht falsch ist, wenn er die Existenz von Kindern zur Folge hat, für die nicht gesorgt werden kann, und nicht falsch, falls z.B. Verhütungsmittel dies ausschließen.

Eine andere Form von Relativismus gelangt zu der Ansicht, dass kein moralisches Urteil mehr tun könne, als lediglich die Gewohnheiten der Gesellschaft widerzuspiegeln, in der es sich äußert. Dies hat höchst umplausible Konsequenzen.

Der Relativist hat keine befriedigende Erklärung für den Nonkonformisten. Wenn „Sklaverei ist falsch“ so viel bedeutet wie „meine Gesellschaft missbilligt Sklaverei“, dann ist diese Meinung in einer Gesellschaft, die die Sklaverei billigt, ein einfacher faktischer Irrtum.

Wer sich also daran macht, die ethischen Anschauungen der Mitbürger zu verändern, der ist notwendig im Irrtum; nur wenn es gelingt, die Mehrheit zu gewinnen, werden diese Ansichten richtig.

Ethik ist nicht bloß subjektive Geschmacks- oder Meinungsmache

Die grobschlächtige Form des Subjektivismus sieht moralische Urteile als Beschreibungen der Haltungen des Sprechenden an. Es mag sein, dass kein Bereich moralischer Fakten ganz unabhängig von uns existiert, der Teil der realen Welt ist; aber folgt daraus, dass moralische Urteile gegen Kritik immun sind, dass es für Vernunft und Argumentation in der Ethik keinen Platz gibt? Ich glaube nicht, dass das so ist. Ich werde also einiges darüber sagen, wie wir in der Ethik argumentieren können.

Was Ethik ist: Eine Auffassung

Das Folgende ist die Skizze einer Auffassung von Ethik, die der Vernunft eine wichtige Rolle in moralischen Entscheidungen zugesteht. Es ist nicht die einzig mögliche Auffassung von Ethik, aber es ist eine, die plausibel ist.

Was heißt das, ein moralisches Urteil zu fällen, eine ethische Frage zu diskutieren oder nach moralischen Wertmaßstäben zu leben? Wie unterscheiden sich moralische Urteile von anderen praktischen Urteilen? Was ist der Unterschied zwischen einer Person, die nach moralischen Maßstäben lebt, und einer, die das nicht tut?

Man meint, man stelle einfach fest, wer es für falsch hält, zu lügen, zu betrügen, zu stehlen usw. und nichts dergleichen tut, und wer solche Überzeugungen nicht hat. Diejenigen der ersten Gruppe würden gemäß moralischer Maßstäbe leben, die anderen nicht.

Diejenigen, die lügen und betrügen, aber nicht glauben, dass ihr Tun, falsch sei, können nach moralischen Maßstäben leben. Sie glauben aus irgendwelchen Gründen, dass es richtig sei. Ihre moralischen Maßstäbe sind nicht konventionell, aber es sind moralische Maßstäbe.

Umgekehrt können wir, wenn gewisse Menschen überhaupt keine Rechtfertigung für ihr Tun vorbringen, ihren Anspruch zurückweisen, nach moralischen Maßstäben zu leben.

So eine Rechtfertigung wird ausschließlich in Begriffen des Eigeninteresses nicht ausreichen.

Seit alters stimmen die Philosophen und Moralisten darin überein, dass ethisches Verhalten von einem irgendwie universalen Standpunkt aus akzeptabel sei. Also dass ein moralisches Prinzip nicht in Bezug auf irgendeine parteiische oder partikuläre Gruppe gerechtfertigt werden kann. Von einem moralischen Standpunkt aus betrachtet, ist die Tatsache unerheblich, dass ich es bin, der beispielsweise davon profitiert, zu mogeln, und dass du es bist, der dabei verliert. Die Ethik verlangt, dass wir über „Ich“ und „Du“ hinausgehen.

Daher muss mein ganz natürliches Bestreben, dass für meine Bedürfnisse, Wünsche und Interessen – ich werde sie von nun an als „Präferenzen“ bezeichnen – gesorgt wird, ausgedehnt werden auf die Präferenzen anderer.

Also weist die Ethik in Richtung des Handlungsverlaufs, der per Saldo für alle Betroffenen die besten Konsequenzen hat.

Ich denke nicht, dass der Präferenz-Utilitarismus aus dem universalen Aspekt hergeleitet werden kann.

Wir können nicht einfach auf unsere Intuitionen vertrauen, weil sie, möglicherweise das Ergebnis unseres evolutionären Erbes und daher ein unzuverlässiger Wegweiser zu dem sind, was richtig ist.

Hedonistische Utilitaristen würden entgegnen, dass die Tatsache, dass wir einen Großteil unserer Präferenzen aufgeben würden, wenn wir wüssten, dass ihre Erfüllung uns kein Glück bringt, nur zeigt, dass es uns in Wirklichkeit um das Glück geht, nicht um die Erfüllung unserer Präferenzen. Der Präferenz-Utilitarist könnte darauf antworten, dass eine Möchte-gern-Poetin sich vielleicht für ein weniger glückliches Leben entscheidet, wenn sie der Auffassung ist, dass ihr dieses Leben ermöglichen würden, großartige Gedichte zu verfassen.

Wir müssen derartige Argumente prüfen, um zu entscheiden, welche die vertretbare Form von Utilitarismus darstellt.

Der vorliegende Band kann als Versuch gelesen werden, nachzuweisen, wie ein konsequenter Präferenz-Utilitarismus mit einer Reihe strittiger Probleme zurechtkommen könnte. Die Leser werden in der Lage sein, zu ihren eigenen Schlussfolgerungen zu gelangen, und zwar im Hinblick auf die Möglichkeit, innerhalb der Ethik vernünftig zu argumentieren.

Diskussion

In diesem Kapitel mach Peter Singer offensichtlich seine Grundannahmen, die er teils empirisch begründet. Was hältst du von den sogenannten Präferenzen? Was hältst du von der Forderung nach Universalität? Ist der Unterschied zwischen hedonistischem und Präferenz-Utilitarismus wirklich ausschlaggebend? Ich freue mich auf eine Diskussion unten im Kommentarbereich.

Die Zusammenfassung als kostenloses E-Book

Für alle Newsletterabonennten werde ich am Ende der Serie alle Kapitel gratis als E-Book zusammenstellen (epub für Reader und pdf).

Disclaimer

Dies ist eine Komprimierung des Originaltextes. Sie erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern gibt die wichtigsten Gedanken möglichst originalgetreu wieder. Die meisten Textstellen sind Zitate der Originalquelle. Es ist empfehlenswert, das Original zusätzlich zu lesen. Sie können es hier erwerben.