Bootstrapping: 8 Facebook Ads, die mich näher hinsehen ließen [Analyse]

Bootstrapping: 8 Facebook Ads, die mich näher hinsehen ließen [Analyse]

Werbung ist so ein Thema für sich. Manche Menschen haben kein Gespür dafür, was andere fesselt. Um ehrlich zu sein gehöre ich auch eher dazu. Mich fesseln keine schrillen Bilder oder großen Worte. Aber was fesselt mich? Und wenn es meinen Blick anzieht, gilt das bereits für andere?

Was fesselt mich? Der Selbstversuch.

Ich bin auch eigentlich kein Facebookmensch. Zu viel heiße Luft, Triviales, Makeup und Maskerade. Facebook Ads halte ich für sehr nützlich. Das ist perfekt für meine Bootstrapgründungen: Ich kann Mikrozielgruppen ansprechen und so ziemlich jede ist vertreten.

Wissen wollte ich nun: Worauf schaue ich zweimal, wenn ich so durch die Timeline scrolle? Wohin zieht es meinen Blick?

Mir kommt es vor, als gäbe es zwei Typen von Anzeigen. Anzeigen, deren Thema mich derzeit ohnehin beschäftigt und Anzeigen, die scheinbar aus dem Nichts Interesse erzeugt haben.

Tatsächlich war keine der Anzeigen wirklich in der zweiten Kategorie. Bei keiner Anzeige kann ich behaupten: Sie hätte in mir ein Interesse geweckt, das vorher nicht bereits existierte. Es scheint vielleicht so, weil nur ein Teilaspekt von Interesse ist.

Die Anzeigen oben auf der Liste gehören in die erste Kategorie und laufen dann eher in die zweite.

8 Facebook Ads

  1. Fiverr ist eine tolle Plattform, das ist meine Meinung. Außerdem benötige ich derzeit ein Erklärvideo und bin auf der Suche nach einer außergewöhnlichen Form. Nicht nach diesen mittlerweile überstrapazierten Whiteboardvideos. Drittens trifft Logo, Wortwahl und Aufmachung so ziemlich meinen Geschmack. Alles in allem ist also klar, warum diese Anzeige meine Aufmerksamkeit auf sich lenken konnte.

 

 

 

 

 

2. Diese Anzeige ist interessanter: Ich mag die Aufmachung nicht. Ich finde sie altbacken. Das Logo und das Icon finde ich furchtbar langweilig. Ich verstehe auch die Ansprache nicht: Welche Mittel? Finanzielle? Mittel gegen Wachstum? Mittel für Türen? „Advanon” halte ich für unkreativ. Bei mir entsteht der Eindruck, da sitzen keine Vordenker, sondern Nachdenker im schlechten Sinne. Und dennoch war ich kurz davor zu klicken. Der Satz „Warten Sie nicht mehr auf die Zahlungen Ihrer Kunden” adressiert einen Leidensdruck: Bei einem Projekt laufe ich derzeit einigen Kunden hinterher. Und dennoch ist das ein Problem für den Urheber der Anzeige: Ich habe bereits einen schlechten ersten Eindruck gewonnen. Ich weiß jetzt, dass es so etwas gibt. Allerdings werde ich jetzt die Konkurrenz recherchieren.

 

Facebook Ads Tutorial Interesse für Video3. Bei dieser Anzeige ist es ähnlich. Auch hier sind die effekthascherischen, zum Teil sehr billig anmutenden Animationen so gar nicht mein Stil. Aber wieder geht es um die Erstellung von Videos und Animationen. Mein Gedanke war: „Kann ich dieses Tool vielleicht günstig und einfach nutzen, um ein Erklärvideo mit akzeptabler Qualität zu erstellen?”

 

 

 

 

4. Diese Art Anzeigen lässt mich an und für sich vollkommen kalt. Absoluter Einheitsbrei. Sie gehört schon eher zur zweiten Kategorie. Ich habe an keinem dieser Angebote ein direktes Interesse. Aber durch mein eigenes, jahrelanges Mathematikstudium trifft mich dieses Wort „Mathematiker” unter dem Bild.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

5. Diese Anzeige geht sogar ziemlich gegen meine moralische Überzeugung. Diese Anzeigen ordne ich nicht mehr der Werbung zu, sondern der Manipulation. Und zwar der billigen Sorte. Sie ist schlicht unseriös. Dennoch hat sie mich gereizt. Nicht wegen SEO. SEO ist für mich genau so ein rotes Tuch. Und doch: Diagramme symbolisieren für mich Objektivität. Ein Graph kann Informationen anteilig vermitteln und nicht nur absolut. Wenn die Kameras in der Flüchtlingskrise stets tief in die Menge der Flüchtlinge hineinzoomten, erzeugt das den Anschein, da stünden tausende an allen Ecken der europäischen Grenzen. Graphen und Diagramme können einen objektiven Überblick schaffen. Das reichte mir um näher hinzusehen.

 

6. Bei dieser Anzeige reichte sogar noch weniger. Die Ansprache hat überhaupt keinen Wert für mich. Businesspläne halte ich für unsinnig (im Gegensatz zu Gründungskonzepten) und wer Gründer sein will und sein Gründungskonzept nicht in diese von Geldgebern gewünschte Form bringen kann, sollte ohnehin noch viel üben, bevor er um Investitionen wirbt. Doch das Wort „Wantrepreneurs” ist toll, Marc Cuban sagt es oft und ich habe einfach einen Fable für diese typische Gründerszenerie: Auf dem Holzboden sitzend, mit einem Pott Kaffee in der Hand Pläne schmieden. Welcher Gründer mag das nicht?

 

 

7. Die 0815 Reisewerbung war es nicht. Google hat gerade so eine art digitales Whiteboard vorgestellt und diese ganzen Smartboards sind eher noch gut gemeint als sinnvoll umgesetzt. Die Stifte sind schrecklich, die Schnittstellen sind ein Graus. Aber ja, seit Minority Report (2002, Tom Cruise) erwarte ich natürlich sehnlichst ein richtig gutes Smartboard. Also doch wieder: Das Interesse. Ich nenne sie einfach mal Microinteressen.

 

 

 

 

 

 

 

8. Dies hier ist keine Anzeige. Aber sie hätte eine sein können. Was meinen Blick sofort fixiert hat, war das kurze Intro. „The canoe” fliegt von links, „show” von rechts ein. Nichts neues, aber auf den Punkt. Außerdem so störungsfrei: Schwarzer Hintergrund, weiße Schrift mit für den Zweck passender Schriftart. Schon wollte ich mehr sehen.

 

 

 

 

 

Was bedeutet das für andere User

Was lerne ich als Gründer jetzt daraus? Wenn ich eine Videoanzeige in Facebook Ads nutze, dann mit einer derartig simplen und kontrastreichen Introanimation. Ich überlege mir nicht nur klassisch welche Wünsche meine Zielgruppe hat, sondern darüber hinaus welche Visionen und Phantasien hat sie, die noch über mein Angebot hinaus gehen. Ich frage mich: Welche romantischen (Ursprüngliche Wortbedeutung beachten) Vorstellungen ist in dieser Zielgruppe verbreitet? Welche Microinteressen haben sie (siehe oben)? Auch der kleine Text, die Untertitel und gerade die, sind häufig viel wichtiger, als die Headlines.

Formel: (Headline = Alleinstellungmerkmal) + relevante Microinteressen

Schlussfolgerung aus den Facebook Ads

Da ich immer CPI (Cost per Interaction) nutze, ist es nicht wichtig, sämtliche Alleinstellungsmerkmale einzubauen. Aus den nun gewonnen Eindrücken stelle ich die Hypothese auf: Man sollte sich den Luxus gönnen, eine einzelne USP (Unique Selling Proposition) pro Facebook Ad zu bündeln. Also der Rest der Anzeige (Titel, Untertitel und Bild) sollte die Microinteressen des Kunden ansprechen, für den diese USP ideal ist.

Für mich wäre also gerade eine Annonce perfekt, die in einer Startupszenerie (Anzeige 6) einen Monitor mit einem Diagram von Zahlungseingängen zeigt. Darunter (in der eher seriös wirkenden Beschreibung) sollte schlicht das Nutzenversprechen stehen: „Warten Sie nicht mehr auf die Zahlungen Ihrer Kunden” (Anzeige 2). Jetzt könnte man mich noch zu einer kostenlosen Demo einladen. So sähe die optimale Anzeige für mich aus.

Wissenschaftliche Bedeutung

Es geht um sehr viel mehr: Meine subjektive Wahrnehmung stützt eine grundlegende Theorie. Diese Theorie heißt „Preference Representation” (Julian Reiss, Philosophy of Economics, 2013). Es sind die drei Grundannahmen, die auch für uns Gründer eine unperfekte Wahrheit darstellen. Es sind so simple Grundwahrheiten wie „falls eine Person Äpfel lieber als Birnen mag, und Birnen lieber als Bananen, dann wird er auch Äpfel lieber als Bananen mögen”. Dies heißt das „Transitivitätsaxiom”. Es gibt noch zwei weitere: Das Vollständigkeitsaxiom und das Kontinuitätsaxiom.

Das baut eine Brücke zwischen Gründern und Wirtschaftswissenschaftlern. Als Gründer helfen die Mittel aus den Wirtschaftswissenschaften oder der BWL nichts oder nicht viel. Gerade als Einzelkämpfer oder selbstfinanziertes Gründerteam. Weil man sich einfach keine Streuverluste erlauben kann. Doch ob es nun die Dinge sind, die agile Gründer tun: Nachfrageanalyse, testen in einem Testmarkt, Botschaften auswählen (wie oben), PMF erkennen (dazu demnächst mehr) oder die Dinge, die Marketingabteilungen in globalen Konzernen tun – es geht immer nur um Interessen und Präferenzen von Menschen.

Und das ganze hat noch eine tiefere Ebene. Nach dieser Annahme gehen all unsere Handlung auf Präferenzen zurück. Sie sind unsere Motivation zu handeln. Diese Allgemeingültigkeit müssen wir fordern, denn gäbe es eine andere Kraft, die zu einer Handlung motiviert, dann könnte es auch einen anderen Grund geben, Waren zu kaufen, als das bloße Interesse daran. Für die Ökonomie wäre das nicht wünschenswert.

Diese Allgemeingültigkeit bringt uns erneut zurück, auf Adam Smiths „unsichtbare Hand”. Denn auch sie basiert auf der Annahme, dass jedes Individuum ausschließlich seinen Interessen folgt. Und dass Peter Singer, John Stuart Mill und Jeremy Bentham wie Smith ebenfalls aus dem britischen Raum kamen bzw. kommen, ist kein Zufall: Sie sind Väter und zentrale Figuren der utilitaristischen Ethik. Gut sei, was für möglichst viele Menschen den Nutzen maximiert (Glück maximieren, Leid minimieren).

Die sogenannte Achtung vor dem moralischen Gesetz – das sei um der Vollständigkeit Willen noch hinzugefügt – ist allerdings ein Kandidat für ein anderes Handlungsmotiv. Diese Option wurde von Immanuel Kant beschrieben. Doch kann man nicht auch sie als eine Art Interesse ansehen?

Niemand sollte nun denken, meine pseudoempirischen Beobachtungen oben würden irgendetwas beweisen. Ich kann mir nicht einmal sicher sein, dass es dabei wirklich und ausschließlich um die bezeichneten Interessen ging. Eine wissenschaftliche Untersuchung war das sicher nicht. Doch passt alles schon ziemlich gut zusammen.


Was hältst Du von der Theorie der Preference Representation? Welche Anzeigen ziehen Dich an? Bist Du immun? Wäre die oben beschriebene perfekte Anzeige auch für Dich perfekt? Glaubst Du, dass es Anzeigen oder Kampagnen geben kann, die ein Interesse aus dem Nichts erzeugen können? Über eine interessante Diskussion würde ich mich freuen. Und wenn Du mehr über diese Themen lernen willst, abonniere doch den Fivetwenty Newsletter.