3 unglaubliche Internetrevolutionen, die bereits ruiniert sind und ob Du das Netz noch retten kannst [Analyse]

3 unglaubliche Internetrevolutionen, die bereits ruiniert sind und ob Du das Netz noch retten kannst [Analyse]

Die große Vision der Internets, von einem offenen, liberalisierten Raum in dem die Gesellschaft auf Augenhöhe miteinander diskutieren kann, scheint gescheitert. Sind Herkunft, Einkommen und Titel also doch wieder wichtig? Das Netz ist kaputt. Welche revolutionären Dienste, die vor dem Netz undenkbar waren, müssen wir heute schon wieder beerdigen? Schufen wir ein Paradies, mal wieder, und aßen Adam und Eva wieder von den verbotenen Früchten? Es bleibt eine Hoffnung, aber welche?

1. Blogs sind tot

Das Trackback-Netzwerk unter Blogs ist zerstört. Wer sich als Blogger an der Diskussion in der damals so liebevoll bezeichneten „Bloggosphäre“ beteiligt, bezieht sich in seinem Artikel auf den Post eines anderen Blogs via Link. Ein System namens Trackback benachrichtigt den anderen Blog und dieser setzt automatisch einen Link zurück. So entsteht eine Art Diskussion. Damals unvorstellbar, so eine Offenheit. Doch es hielt und wurde sinnvoll genutzt, fast zwei Jahrzehnte lang. Heute gibt es kaum noch Blogs, die ihren Trackback aktiviert haben.

Auch die vitalisierenden Kommentare sind quasi ausgestorben. Der Blogger kann sich vor der Spamflut nicht mehr retten. Er kann Anti-Spamextensions nutzen, aber die kosten entweder oder sind nicht gut. Er kann Dienste wie Disqus einbinden, doch dann kommentieren noch die wenigsten Nutzer. Viele haben schlicht keinen Account dort haben, wollen sich nicht registrieren oder haben ihre Zugangsdaten nicht parat.

Der Blog an sich genießt schlichtweg kein Vertrauen mehr. Der Blogger, der einfach nur seine reinen Gedanken möglichst informativ mitteilen möchte, ist so abgeschlagen in der Unterzahl, dass Blogger, die ein organisiertes Interesse (politisch, kommerziell, religiös etc.) verfolgen die Sichtbarkeit im Netz beherrschen. Die politisch, kommerziell oder religiös motivierten Blogger werden häufig von den entsprechenden Organisationen unterstützt und sei es nur indirekt durch Sponsoring. Das nutzen sie für Marketingmaßnahmen die ihrerseits andere Bereiche des Netzes torpedieren.

2. Newsgroups und Foren ermordet vom Kontentmarketing

In der Newsgroup de.sci.philosophie wird nicht über Hegel, Kant oder Nietzsche diskutiert, sondern Propaganda zu Trump und Putin. Warum? Weil Kontentmarketer (in diesem Falle in der Troll-Version) Idioten sind und glauben, Philosophie sei das politische Halbwissen, was man Abends am Stammtisch diskutiert. Also plärren sie die Gruppen voll, in den sie ihre Zielgruppe vermuten. Außerdem kommen sie leicht ran, an die offene Struktur der Newsgroups. Der wissenschaftliche Sachverstand kapituliert und geht ohne sich zu verabschieden.

Die Internetdiskussionsforen sind ohne vernünftige Moderation ebenfalls fast nicht mehr nutzbar. Jedenfalls kein Forum mit irgend einer interessanten Zielgruppe (d.h. also in diesem Bezug kaufkräftig, leichtgläubig oder politisch affin). Ein Mathematikerforum wird es noch geben. Im Forum „förderland”, dass zwar schon immer eher schlichte Einblicke in das Gründertum bietet, jedoch bereits lange existiert, findet man überwiegend Themen mit den Titeln „nitroshredadvice.com/enduro-force/”, „Importgeschäfte – so verdopple ich mein Geld in einem Monat”, „Overgrowth is a chronic infection” und so weiter. Weil ich diese Wortkombinationen nun verwendet habe, werde ich sicher von Google abgestraft. C’est la vie.

 

 

Das ist auch eine mögliche Erklärung für den Erfolg von Slack. Slack ist ein Teammessenger. Zu Recht kommt die Frage auf: Weshalb nicht gute alte Chats statt Slack? Wir haben gute Clientsoftware, die ist seit Jahrzehnten gereift, sie bietet im wesentlichen das gleiche und ist open source (die Rede ist vom Altprotokoll IRC „Internet Relay Chat”). Heute werden die Mitglieder zu Chats wieder manuell eingeladen und zur Not ausgeladen. Da entstehen sie wieder: Die alten Hierarchien und sie scheinen leider notwendig. Facebookgruppen existieren quasi nur aus zwei Gründen: Entweder um noch mehr blödsinnige Texte und Bilddaten auf die Server zu laden oder um den Gruppenmitgliedern schleichwerbend irgendein Produkt unterzujubeln.

3. SEO ruiniert die Suchmaschinen

Suchmaschinenoptimierer müssen hirntot sein. Dass Google selbst dazu Anleitung gibt, ist mir bis heute eines der größten Rätsel menschlichen und unternehmerischen Handelns. Sind sie so überzeugt von ihrem Algorithmus? Verabschiedeten sich die Gründer Sergej Brin und Larry Page bereits vor Jahren geistig von Google? Googles Heuristiken müssen den Informationsgehalt einer Website relativ zur Suchanfrage bewerten. Offensichtlich haben die Optimierer doch Erfolg.

Wie in der Abbildung zu sehen ist, gibt es auf eine lebensnahe Suchanfrage kein Ergebnis aus einer wirklich offensichtlich wissenschaftlich-vertrauensvollen Quelle. Genau das sollte doch das Hauptziel von Google sein. Stattdessen findet man nur „Kontent” – im Sinne des Kontentmarketings – also Schleichwerbung .

Google Suchergebnisse völlig korrumpiert

Lebensnahe Suchanfrage bringt keine wissenschaftlichen Antworten

Die Suchmaschinenoptimierer bringen ihre Seiten in den Ergebnissen erfolgreich nach vorne, indem sie Foren und Twitter mit ihren Links zuspammen, ihre Texte mit buzzigen Schlüsselwörtern vollstopfen und diese möglichst exzessiv in h1 und h2-HTML-Tags unterbringen. Ich sehe, dass sie Erfolg haben, weil ich nur noch diesen Mist bei Google finde. So absurd: Sie empfehlen, das Keyword im Titel an die erste Stelle zu stellen. Na wenn das dem Googlebot nicht eindeutig sagt: Hier gibt es relevante Infos. Konsequenz: Die Leute suchen nicht mehr mit Google, weil die Ergebnisse irrelevant werden. Das Katz und Mausspiel hat begonnen. Der nächste Hype und das spätere Opfer wird DuckDuckGo sein.

 

Sie hatten halt leider nicht unrecht

Das Internet, Wikipedia, Newsgroups, Chat war für mich immer eine Art Beweis gegen die Alten. Gegen die zynische Konvention. Muss denn wirklich alles reguliert und moderiert werden? Gegen die, die immer meinten mit ihrem Grundpessimismus den Vereinsheimschlüssel nur gegen strikte Auflagen herauszugeben, sämtliche Funktionen der Mitarbeiterlaptops bis zur Unbenutzbarkeit zu sperren und sowieso alles in Hierarchien zu gliedern.

Die Internethierarchien waren flach, fast nicht Existent. Was wir vorher nur vertikal kannten, von der Arbeit, von den Nachrichten, vom Verein, vom Bürgerbüro, ging nun auch horizontal. Was als unmöglich galt war doch möglich: Jeder konnte nun bei Wikipedia Beiträge schreiben. In Newsgroups und Foren fand man jemanden, der sich auskannte und sein Wissen gerne teilte. Egal ob Professor oder Möchtegern. In Blogs konnte nun jeder seine Recherchen und Meinung präsentieren.

Bei Podcasts funktioniert das heute noch halbwegs. Obwohl es da natürlich auch „Solopreneurs Moshpit” gibt, der seinen Schäfchen erklärt, wie er mit Schleichwerbung (Inbound Marketing und Kontentmarketing) Erfolg im Geschäft hat. Und was? Seinen Podcast betreibt er aus absoluter Herzensgüte? Immerhin sind seine Inhalte noch ansastzweise informativ.

Das Netz ist zu einem einzigen Kaufhaus geworden. Die Beteiligung aus der Masse existiert noch hauptsächlich in der Form von Bewertungen und Rezensionen. Die Userbeteiligung war mal die Essenz des Netzes.

Ursachenhypothesen

Was könnten denn Ursache für diese Entwicklung sein? Es fing langsam an, Spam gibt es schon lange. Doch richtig Schlimm wurde es erst zwischen 2006 und 2010 bis heute. Das Netz wurde immer attraktiver für Otto Normal, Herr und Frau Weber. Das Smartphone brachte die Hausfrau ins Netz. Als das Netz gesellschaftsfähig wurde. Nahelingend scheint, dass die Notwendigkeit für Hierarchien sich immer in großen Gruppen entwickeln. So einfach? Warum in großen Gruppen? Ist es die Anonymität? Oder sind große Gruppen einfach attraktiv für Verkäufer, weil sich in Ihnen sämtliche Zielgruppen finden? Benötigt es dafür Anonymität? Das ist eine starke und interessante Hypothese, wie ich finde. Haben die Verkäufer das Netz zerstört? Ja, das ist meine Hypothese. Verkäufer im weiten Sinne, also auch Manipulatoren, Missionare, Prediger, Kontentmarketer im Allgemeinen.

Es sind wohl wie immer die Egoisten. Die Kurzfristigdenkenden. Die Hedonisten. Die, die Kants Imperativ für Unsinn halten. Denen egal ist, was passiert, wenn viele oder alle so handelten, wie sie es tun. In deren Denken kein Platz für unbequeme Gefangennendilemmata ist. Allmälig bekommen sie die Quittung. Sie merken es noch nicht und wenn es so weit ist, werden sie nicht realisieren, dass sie die Schuld tragen. Dann wird es schon immer klar gewesen sein. Dann werden solche freien Strukturen immer schon eine Utopie gewesen sein.

Doch ein gewisser gesellschaftlicher Fortschritt bleibt

Es zeigt auch, dass es gar nicht notwendig war, mit irgendwelchen Rundfunklizenzen Piratensender verhindern zu wollen. Das Problem erledigt sich offenbar von selbst und Hierarchien werden automatisch eingezogen. Aber wer weiß, wahrscheinlich setzen die sich etablierenden Autoritäten des Netzen in Kürze ihren politischen Einfluss vermehrt ein um wiederum irgendwelche Lizenzmodelle zu etablieren, einfach nur weil sie es können.

Was aber doch bleibt, ist die Erkenntnis, dass die Utopie eine Zeit lang möglich war. Zwischen 1990 und 2010 war es für mich selbstverständlich, mit Suchmaschinen die besten Antworten auf meine Fragen zu finden. Diese Erkenntnis ist ein gesellschaftliche Fortschritt. Denn wir haben nun Grund für weitere Hypothesen, Prämissen und Ableitungen.

Lösungen und Fazit

Wie können wir diesen Zustand wieder herstellen? Die Anonymität war Teil dieses Zustandes. Der Verkäufer allerdings nicht. Es ist okay, wenn ein Kaufhaus, wie Amazon im Internet existiert. Auch viele. Der Verkäufer, der Kontentmarketer und der Prediger muss in seine Onlineshops zurückgedrängt werden.

Oder andersherum: Es muss Räume für reine Userbeteiligung geben, auf die der Kontentmarketer keinen Zugriff hat. Aber wie? Mir fällt nur der Dampfhammer in Form eines Algorithmuses ein.

Gelingt es uns ein Netz für und von den gleichen Menschen herzustellen, die einst nicht interessant genug für die Kontentmarketer waren? Ich glaube das reicht nicht mehr. Selbst wenn die Mamis und Papis heute nicht ins Netz gehen würden, hätte die Kontentmarketer verstanden, dass sie die Nerds mit sinnfreien bis manipulativen Inhalten zumüllen müssen, um sie für Alexa, Google Glass, Beraterjobs oder irgendetwas derartiges zu begeistern.

Alles was über Moderation durch Mehrheitsmeinungen funktionieren soll, ist zum Scheitern verurteilt. Eine elegante Möglichkeit um die Trolle draußen zu lassen liegt nicht auf der Hand. Denn den Verkäufern gelingt es selbst Googles globusumspannende Wahrscheinlichkeitsanalyse zu manipulieren, in der Google die Verlinkung und Autorität (z.B. von Universitäten) mit einbezieht. Googles Idee war: Es ist zwar zwar Einfach Inhalte direkt auf Webseiten zu manipulieren, aber nicht diese riesigen Linkketten und sei daher unmöglich. Falsch gedacht.

Informationen segmentieren? Das wäre eine Möglichkeit für einen Algorithmus. Was ist wenn wir die ohnehin immer gleichen Artikelthemen segmentieren? Wer will kann dann bei Google das Häkchen bei „auch Marketinginhalte mit einbeziehen” setzen. Nur dafür müssten erst einmal Marketinginhalte zweifelsfrei identifiziert werden. Ich wundere mich ohnehin, warum ich durch Google noch auf Seiten kommen kann, die den gesamten sichtbaren Bildbereich mit Werbung zupflastern. Diese Seiten müssten doch dermaßen abgestraft werden, dass es immer einen Inhalt gibt, der besser ist. Und eigentlich immer sind die Inhalte dieser Seite für die Tonne.

Dazu müsste eine Maschine den Informationsgehalt, der Argumentationsstrang verstehen und nicht nur die Textähnlichkeit und Verlinkungsstruktur vergleichen, wie es Google tut. Das wird hoffentlich bald passieren.