Podcast für Gründer und Solopreneure

Blogkritik: Podcast Solopreneur’s Moshpit

Nerd, Rockstar oder Solopreneur? Gordon Schönwalder erzählt von seinen Erfahrungen mit Solopreneurship. Die Produktion ist professionell, musikalische Untermalung gefällt mir. Die Moshpit-Allegorie ist stimmig.

Gordon Schönwälder ist ein Prototyp für eine nächste Generation. Günter Faltin beschreibt sie auch als „Generation Unternehmer“. Diese Generation wird verstanden haben, dass sie angestrebte Sicherheit eben nicht dadurch erreicht, dass sie ihre Arbeitskraft und ihre Talente an einen einzigen Kunden verkaufen. So wie wir es heute noch in Angestelltenverhältnissen tun und glauben, das wäre das höchste Maß an Sicherheit. Diese Generation wird Ihre Arbeitskraft an mehrere verkaufen. Sie machen das gleiche, was immer eine sinnvolle Strategie ist, wenn man Risiko verringern will: Man verteilt. Bei Geldanlagen und Investments heißt das „Diversifikation“. Sie flirten besser, wenn Sie mehrere Eisen im Feuer haben. Einfach weil es Ihnen in dem Fall egal ist, ob Sie einen Korb bekommen oder nicht. Nur ein Prototyp ist er allerdings deshalb, weil er sich noch mit den Grundlagen des Entrepreneurships auseinandersetzen muss. Er muss noch für Aufmerksamkeit kämpfen. Er muss noch Marketing lernen. Das werden immer umfassendere Portale in Zukunft übernehmen. So wie sie es für Freelancer, Handwerker, Appentwickler, Lieferdienste etc. teilweise bereits tun. Und es wird ihnen dabei nicht um die „Villa auf Mallorca, und ’ne Yacht und Frauen und Männer und Geld im Überfluss“ (Episode 002) gehen, sondern um eine unabhängige und eigenverantwortliche Existenz, die sicherer ist, als das Angestelltentum heute.

Kampf um Aufmerksamkeit

Wie viele andere kämpft Herr Schönwälder mit den Werkzeugen des sogenannten Inbound Marketings. Es ginge ihm dabei um „Sichtbarkeit“. Das ist so eine euphemistische Worthülse wie „Stattfinden“. Dieser Kampf um Aufmerksamkeit ist das eigentliche Geschäftsmodell, so hat man den Eindruck. Um dann die gleichen Weisheiten nochmal zu verkaufen, sie dann aber Coachings zu nennen. Er möchte Werbung für sich machen und bekannt werden. Und er hat ja recht, wenn er sein Werbetreiben vorsichtig umschreibt. Offensichtlich Werbung machen ist in unserer Gesellschaft per se böse. Außer Sie sind bereits bekannt. Paradox. Doch es gibt keine Alternative. Werbung machen ist nicht grundsätzlich unmoralisch. Angenommen der einzige Dönermann in der Stadt wirbt damit den besten Döner der Stadt zu machen, dann ist das halt die Wahrheit. Kommt jetzt ein zweiter, der (tatsächlich) einen viel besseren Döner macht, was macht der jetzt? Dönermann 1 wird nicht von seiner Behauptung abrücken. Dönermann 2 muss also einen Weg finden, die Leute zu überzeugen. Das ist Werbung. Nichts ist daran auszusetzen. Das Thema Werbung ist der heimliche Hauptdarsteller in diesem Podcast. Das Inbound Marketing, wie Herr Schönwälder es betreibt, steht für einen weniger störenden Typ von Werbung. Und das stimmt. Dafür ist es verlogener. Der Vorwerk-Typ, der vor Ihrer Tür steht und einen Staubsauger verkaufen will, nervt, sagt aber, dass er etwas verkaufen will. Der Inbound oder Content Marketer stellt sich in die Innenstadt und quatscht Sie nicht voll. Nein, er trägt ein Schild „Gratis Kaffee“ und wenn Sie einen haben wollen, will er vorher Ihre E-Mail-Adresse und Ihre Erlaubnis, sie Zuhause vollzuquatschen. Ist das besser? Wenn wenn der Kaffee richtig gut ist, vielleicht. Dieses System ist ja nicht neu. Aus dem gleichen Grund besuchten Hollywood-Stars „Wetten dass“ schon in der 70ern. Sie wollten Teil des „sichtbarsten“ Formats im deutschen Fernsehen sein. Deswegen kommt auch ein gescheiterter Musiker zu Lanz, und erzählt seine herzzerreißende Krebsgeschichte. Nicht weil er so nett ist und andere Teilhaben lassen möchte. Sondern weil er mit seiner Geschichte eine Beziehung zu seiner Zielgruppe aufbauen will. Er will für sie „sichtbarer“ werden. Online wird seit einigen Jahren Kontent erstellt was das Zeug hält. Kostenlose E-Books, Blogs, Youtubekanäle, Podcasts, Whitepapers und Berichte. Man muss nur mal auf die Facebook-Werbung achten. „Sichern Sie sich jetzt Ihr kostenloses E-Book“. Ich bekam diesen Prozess das erste Mal ca. 2006, in Robert Basics Blog „Basic Thinking“ mit. Redlich ist das nur, wenn diese Inhalt wirklich gut sein sollen. Diese Absicht kann leider jeder behaupten. Historisch gesehen haben erfolgreiche Autoren wohl immer auch von der Popularität, der Autorität und der Beziehung zu ihren Lesern profitiert. Das haben sie sich verdient, da sie Werke von Wert schufen. Das ist auch der Unterschied, den Precht meint, wenn er sich darüber verwahrt, seine Bücher als Content zu verunglimpfen. Content sei „ein zynisches Wort für jeden Kulturschaffenden und zivilisatorisch ein gewaltiger Rückschritt!“, so Precht. Recht hat er. Inboundmarketer beschreiben diesen Kulturwert lapidar als „Mehrwert“. Dieser schmale Grat kommt aus den grundlegenden moralischen Problemen. Erstellen Sie Inhalte pflichtgemäß oder aus Pflicht? Das ist Kant. Was jedenfalls tatsächlich passiert ist, dass dieses Gebaren zu einer Überschwämmung des Netzes durch tausendfach aufgebrühte Blogartikel führte. In einer Episode schwärmt Herr Schönwälder von einem Kollegen, der bis 2019 alle Blogartikel fertig vorbereitet hat. Werden das wahrscheinlich hochwertige Artikel sein? Wir werden über alles informiert und wir wissen nichts. Der Grund dafür ist dieses Verhalten.

Mein Plädoyer? Wir brauchen bessere Algorithmen, die Modewörter und Modephrasen erkennen. Es gibt bereits solche Projekte, sogar bei Google. Automatisierte Faktenprüfer. Oder auch: „Kenne ich die Information bereits, die der vorliegende Artikel enthält?“. So ein Tool muss transparenter sein und die Glaubwürdigkeit mehr in den Vordergrund stellen, als Google es heute tut. Idealer Weise muss der Algorithmus n Artikel betrachten und in Segmente teilen, die jeweils die gleiche Information enthalten. Aus diesem Segment muss mir derjenige Artikel ausgegeben werden, der die Information in einer von mir bevorzugten Art präsentiert. Also didaktisch und stilistisch.

Indirekter Angriff auf das Netz

Googles Algorithmen basieren noch immer hauptsächlich auf dem Prinzip: Jemand der gemeinhin gute Dinge sagt, kennt jemanden, der jemanden kennt, der jemanden kennt. Und was der sagt ist wahrscheinlich auch nicht so schlecht. Verlinkung und Autorität sind für Google noch immer ein zentrales Qualitätskriterium. Früher, bei weniger doppelten Inhalten, hat das gut funktioniert. Doch die Marketingmenschen schleichen sich ein in Wikis, Kataloge und selbst Universitäten. Studenten und Doktoranden verkaufen Links an Marketer, weil Links von Universitätswebseiten viel Authority von Google bekommen. Das hätte ich früher in dem Maße nicht für möglich gehalten. Google wahrscheinlich auch nicht. Doch es verfälscht die Ergebnisse dermaßen, dass wir zu ernsten und wichtigen Themen auf der ersten Seite der Suchergebnislisten nur noch irgendwelche Kontentmarketingarktikel finden, die mit Worthülsen und SEO-Texten uns in Wahrheit ihre Produkte verkaufen wollen.

Pocket, eine App zum Lesen von Onlineartikel ist kein Redaktionsplan-Utility (Episode vom 27. Juli 2016). Von anderen Blogger Stile kopieren ist etwas anderes als Kreativität. Ein Hohn, diese Art von „Neugierde“ mit der zu vergleichen, die Albert Einstein als Forscher meint, wenn er den physikalischen Grundbausteinen unseres Universums auf den Grund geht und wissenschaftliche Pionierarbeit leistet. Ein Hohn. Was hat Pocket mehr mit Solopreneurship zu tun, als eine Lesezeichenleiste, ein RSS-Reader oder der Stern?

Lösungsmittel

Herr Schönwälder kommt aus der Krankenpflege. Ein ehrenwerte Arbeit. Nebenher gründete er eine Unternehmensberatung namens „Lösungsmittel“. Der Name ist gut, meine ich auch. Ich frage mich allerdings schon, wie Herr Schönwälder darauf kam, sich vor diesem Hintergrund für einen Experten und Mentor für Unternehmensgründer zu halten? Sicherlich kann man heute das eine oder andere von ihm lernen. Heute sieht das vielleicht anders aus und ich nehme ihm ab, dass er von seinem Geschäft leben kann. Ich fände es besser, wenn sich weniger ein Mentorenton durch seine Episoden ziehen würde. Wir probieren doch alle nur Dinge aus und freuen uns, wenn etwas funktioniert.

Fazit

„Was mich im Strahl kotzen lässt“ (Episode 100). Nein, so schlimm ist es nicht. Es lohnt sich für angehende Gründer den Podcast zu abonnieren. Auch wenn man die Essenz der über 100 Folgen auch auf schätzungsweise 14 Folgen konzentrieren könnte.