Die dunkele Seite der Schülerhilfe

Die dunkele Seite der Schülerhilfe

Eineinhalb Jahre konnte ich das Geschäftsmodell Schülerhilfe kennenlernen. Ich habe positiv erfahren, dass Nachhilfe wirken kann. Auf der anderen Seite nutzt die Schülerhilfe Studenten und pensionierte Lehrer aus und setzt wie Fitnessklubs auf Abomodelle.

Scheinselbstständigkeit
Putzkräfte in dubiosen Hotels werden als selbständige Mitarbeiter beschäftigt. Vorbei an Tarifverträgen. Bei der Schülerhilfe ist das ebenso. Ein Honorarvertrag wird geschlossen. Letztlich bedeutet das nur, dass der Mitarbeiter als freier Dozent beschäftigt ist. Das kann bei klassischen Dozenten an der Uni auch sinnvoll sein. Hat ein selbständiger nur einen Auftraggeber und ging die Ausgestaltung des Arbeitsverhältnisses von dem Unternehmen aus, so gilt dies als Scheinselbstständigkeit. Verboten ist das in Deutschland, weil ein Selbständiger eben die Risiken trägt, vor denen Angestellte geschützt werden sollen. Die Akademiker in der Schülerhilfe können zu jeder Zeit quasi entlassen werden. Während des Urlaubs fällt ihr Lohn aus und sie müssen den Arbeitgeberanteil der Krankenkasse selbst tragen. Wir erinnern uns, dass vor kurzem Ryan Air seine Piloten in die Selbstständigkeit drängte. Gleiches Prinzip. Gesellschaftlich geächtet.

Abomodell
Abomodelle sind per se nicht anrüchig, doch so wie Fitnessstudios auf die nachlassende Motivation ihrer Kunden vertrauen, setzt die Schülerhilfe auf den schnell schwindenden guten Vorsatz von Schülern und Eltern. Die Luft ist raus, das Abo läuft weiter und damit der Dauerauftrag.

Arbeitszeiten
Skandalös ist die beständige Forderung an den Mitarbeiter, außerhalb der bezahlten Stunden zu arbeiten. Mir liegt eine Handlungsanweisung vor, aus der hervorgeht, dass Noten der Schüler, Klausurtermine, das Lernprotokoll und Weiteres außerhalb des Unterrichts zu führen sind. Vergütet wird nur die reine Unterrichtszeit. Wenn der Mitarbeiter zu jeder Unterrichtseinheit 15 Minuten extra leistet, bleibt von vereinbarten 10€ noch 8,40€ pro Stunde. Das ist knapp weniger als der Mindestlohn und es fehlt viel zum vereinbarten Lohn.

Vertrauen
Im Zweifel für den Kunden? Schüler sollen unbedingt geschützt sein. Doch hat der Schüler deshalb immer recht? In Gruppen bekommt manchmal jemand den Eindruck, benachteiligt zu werden – das ist selbst bei uns Erwachsenen so. Beschweren sich Schüler, ist für die Schülerhilfe der Schuldige in jedem Fall im Lehrer gefunden. Jobverlust droht.

Kindern passiert so etwas aus Selbstschutz und kindlichem Egoismus. Doch die Schülerhilfe stellt sich grundsätzlich auf die Seite ihrer Kunden und der Mitarbeiter steht ständig unter Verdacht.

In einem konkreten Fall beharrte ich bei einer Schülerin darauf, eine Aufgabe durchzurechnen ohne Hilfe meinerseits. Sie weigerte sich, ich bestand darauf, die Zehntklässlerin verließ unter Tränen das Unterrichtszimmer. Anschließend wurde ich massiv vorverurteilt. »Die Schülerin hätte sich nicht beschwert, wenn ich nichts falsch gemacht hätte«, hieß es da. Wie gesagt, die Schülerin trifft wenig Schuld, auch wenn Falschbeschuldigung selbst bei Jugendlichen kein Kavaliersdelikt ist.

Risiko trägt der Mitarbeiter
Ob der geplante Unterricht stattfindet, sich darüber zu informieren, das ist die tägliche Pflicht des Mitarbeiters. Klar ist das kein Weltuntergang, doch eigentlich die Aufgabe des Arbeitgebers. Regelmäßig kommt es vor, dass Unterricht nicht stattfindet, der Morgens noch fest eingeplant war. Der Lehrer bekommt für diesen Tag keinen Lohn, trotz Arbeitsweg und der durchkreuzten Tagesplanung.

In Stunden, in denen alle Schüler unentschuldigt fehlen, bekommt der Lehrer eine viertel Stunde vergütet. Die unentschuldigten Schüler zahlen ihrerseits den gesamten Betrag an die Schülerhilfe.

Direkt darauf angesprochen reagierte die Inhaberin, als gäbe es dazu keine Alternative. Es gehört zu einem seriösen Geschäftsmodell, das Risiko zu tragen und nicht auf die Mitarbeiter abwälzen. Im Falle des unentschuldigt fehlenden Schülers ist klar, dass der Mitarbeiter trotzdem vergütet werden soll. Die Schülerhilfe kann kundenfreundlich den Eltern kurzfristige Absagen gestatten, doch das Risiko um diesen Service anzubieten, soll sie selbst tragen und im Zweifel dem Lehrer die Stunde bezahlen. Doch sie überträgt das Risiko vollständig auf den Mitarbeiter und zieht Profit daraus.